Schulimpulse

Interview mit Marion Gutzmann


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Marion Gutzmanns Arbeitsschwerpunkt ist die Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen. Ein Blick in ihre umfangreichen Publikationen als Autorin und Herausgeberin macht das deutlich. Im Jahr 1992 trat sie dem Grundschulverband bei, seit 2013 ist sie in dessen Vorstand aktiv. Wir haben Marion im Jahr 2023 bei Veranstaltungen des Grundschulverbands kennengelernt und sind mit ihr ins Gespräch gekommen. Mit ihrem Engagement, ihrer Expertise sowie ihren pädagogischen Überzeugungen zur Weiterentwicklung der Grundschule im Sinne der Kinder ist sie nicht nur für uns ein großes Vorbild. Wir freuen uns sehr, dass sie sich Zeit für ein Interview mit uns genommen hat.


Marion, welches ist Dein Lieblingskinderbuch? Warum?

Eigentlich habe ich viele Lieblingskinderbücher. Eine meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen ist es, in Buchläden in der Kinderbuchecke zu stöbern und Bücher mit besonderen Themen, inspirierenden Illustrationen oder attraktiv gestalteten Einbänden zu finden, die meine Listen zu den Lesefavoriten ergänzen. Ich mag Bücher mit Themen, die für Kinder bedeutsam sind, z. B. „Hey, Milla“ oder „Neun Wünsche für Archie“. Lyrikbände für Kinder bezaubern mich, z. B. die vielen fröhlichen Gedichtsammlungen von Arne Rautenberger oder von Lena Raubaum „Mit Worten will ich dich umarmen“. Zu meinen Kinderbuchschätzen gehören vor allem auch Bücher, die die kulturelle und sprachliche Vielfalt abbilden wie z. B. „Die Welt schmecken und entdecken – Eine kulinarische Weltreise für Kinder“ oder die mit viel Sprachwitz Lesevergnügen bereiten. Ein solches Buch in die Hand zu nehmen und Kinder in die Welt des Buches mit hineinzunehmen, ist für mich immer wieder eine besondere Situation.

Wie kam es, dass Du Lehrerin geworden bist?

Als Älteste von vier Geschwistern war es von klein auf an mein Wunsch, Lehrerin zu werden und Kinder beim Lernen zu begleiten. Das persönliche Erleben, in den 60iger Jahren in einer Schule von 1 bis 10 gemeinsam länger lernen zu können, bestärkte diesen Wunsch. Vor allem die Neugierde von jüngeren Kindern, ihre Begeisterungsfähigkeit und Dankbarkeit beeinflussten meine Entscheidung, im Grundschulbereich tätig zu werden. Von Anfang an war mir wichtig, jedes einzelne Kind mit seinen ganz besonderen Ansprüchen und Möglichkeiten ernst zu nehmen. Vor allem aber, dass den Kindern Lernen Freude bereitet und darauf zu achten, dass niemand zurückbleibt oder ausgeschlossen wird.

Wer oder was hat Deine pädagogischen Werte geprägt?

Prägend in meiner Schulzeit waren meine beiden Lehrerinnen für Russisch und Englisch, die mir vor allem die Freude am Sprachenlernen und Neugierde auf andere Kulturen vermittelt haben. In meinen ersten Berufsjahren war es eine ältere Kollegin, von der ich bei Unterrichtsbesuchen viele Tipps und Ideen für einen differenzierenden Unterricht erhalten habe. Schon in dieser Zeit war es mir wichtig,  alle Kinder mitzunehmen und kein Kind zurückzulassen. Später waren es Mitstreiter:innen des Grundschulverbands wie Hans Brügelmann, Annemarie von der Groeben, Erika Brinkmann, Maresi Lassek oder Angelika Speck-Hamdan, die meine Haltung und mein pädagogisches Handeln geprägt haben. Der regelmäßige Austausch und die Begegnung mit anderen, die ähnlich denken, haben mich in meinem eigenen Handeln bestärkt, aber auch ermutigt, mit anderen Lehrkräften im Rahmen eines Arbeitskreises, später in Fortbildungen und im Netzwerk Grund- und Förderschulen Herausforderungen in der Arbeit mit Grundschulkindern gemeinsam zu meistern.

Warum ist es aus Deiner Sicht wichtig, Kinder für Literatur und Sprache zu begeistern?

Als Kind war ich selbst eine Leseratte und habe manchmal heimlich unter der Bettdecke gelesen oder mich im Fliederbusch mit einem Buch versteckt. Dem Lesen bin ich bis heute treu geblieben und weiß um den Reichtum und das Glück des Lesens, die Hilfe und den Trost, die Bücher bieten können. Bücher und Geschichten vermitteln Haltungen und Erfahrungen, bieten Bezüge zum eigenen Leben und helfen, die Perspektive anderer einzunehmen, Empathie und Toleranz zu leben. Wenn ich selbst Bücher liebe, fällt es mir leichter, Kinder für Literatur und schöne Sprache begeistern zu können. Zu erleben, wie Sprache in Gedichten und Geschichten wirken kann, wie ein noch ungewohnter oder ungewöhnlicher Wortschatz „aufgesogen“ wird, wie mit Figuren und ihren Erlebnissen mitgefiebert wird, lässt unsere Arbeit für die Kinder zu einer Art Lobby für das Lesen werden und sprachliches Handeln als bedeutsam erfahren. Es ist wichtig, dass alle Kinder in der Schule, unabhängig von der Anzahl der Bücher in den Elternhäusern und den Gepflogenheiten im Umgang damit, die Chance erhalten, Leserinnen und Leser werden zu können.

Im Jahr 1992 bist Du in den Grundschulverband eingetreten und hast Dich in Deinem Bundesland Brandenburg engagiert. Was hat dich dazu bewogen?

Nach der Wende zeigte sich an Brandenburger Schulen eine weit verbreitete Reformbereitschaft der Lehrkräfte, eine sechsjährige Grundschule als Ort der Geborgenheit und Lernfreude zu gestalten. Unterstützend und ermutigend waren in dieser Zeit die Schriften des Grundschulverbandes zum offenen Unterricht, zum ganzheitlichen Lernen oder zur Leistungserziehung ohne Ziffernnoten. Auch die Besuche im damaligen Berliner Landesinstitut BIL ließen mich jedes Mal mit einem „prallen Koffer voller Ideen“ nach Hause fahren und bereits am nächsten Tag in die Praxis umsetzen. Mechthild Pieler, damals im Vorstand der Landesgruppe Berlin, ermutigte mich auch, im Landesgruppenvorstand Brandenburg mitzuarbeiten und mich mit anderen von nun an für eine bessere Grundschule für alle Kinder landes- und bundesweit einzusetzen.

Seit einigen Jahren bist Du im Vorstand des Grundschulverbands aktiv. Warum ist der Grundschulverband immer noch so wichtig wie zu seiner Gründung im Jahr 1969?

Der Grundschulverband ist der einzige Fachverband, der sich seit seiner Gründung in mehr als 50 Jahren in Schulpraxis, Forschung und Bildungspolitik engagiert und sich für die Weiterentwicklung der Grundschule einsetzt. Diese breit aufgestellte Expertise und Stärke bringt der Verband inhaltlich und personell stetig in die aktuelle  Bildungsdebatte ein. In den Standpunkten wird das Verständnis einer kindgerechten, zukunftsfähigen und leistungsgerechten Grundschule, die für alle Kinder zu einem Ort der Lebens- und Lernfreude wird, präzisiert. Als Mitglied des Grundschulverbandes und als Vorstandsmitglied kann ich mich in diesem starken Bündnis für eine Schule engagieren, die Kindern Raum bietet, miteinander und mit Erwachsenen aufmerksam zu leben, in der Kinder lernen und ihr Können zeigen können. Auch zukünftig möchte ich mich für eine Grundschule als Schule der Vielfalt und Schule für alle einsetzen, diese mitgestalten und verantwortungsvolle Mitstreiterinnen und Mitstreiter dafür gewinnen, um allen Kindern bestmögliche Bildungschancen zu ermöglichen. Die Anerkennung der Leistungen des Grundschulverbands durch den Bundespräsidenten, Verantwortliche der Politik, Kultusministerien, Medien, Verbände, Elternvertretungen, Lehrkräfte und multiprofessionelle Teammitglieder macht Mut, den Einsatz für den Grundschulverband gestärkt fortzusetzen.

Die Grundschule ist gegenwärtig mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Welche Chancen siehst Du für die Zukunft der Grundschule?

Die Weiterentwicklung der Grundschule stellt eine besondere Herausforderung vor dem Hintergrund einer dem deutschen Schulsystem attestierten starken Kopplung von Bildungschancen und sozialer Herkunft dar. Hier müssen vor allem Bedingungen, unter denen Kinder lernen, verbessert werden. Die Grundschule der Zukunft soll allen Kindern bessere Startchancen bieten und den Rechtsanspruch der Kinder auf allseitige Bildung einlösen können. Vorhaben wie Ganztag, Gemeinsames Lernen im inklusiven Unterricht und Jahrgangsübergreifendes Lernen, die eine Förderung der Bildungschancen von allen Kindern im Blick haben, dürfen dabei keine Sparvariante darstellen.  Die Umsetzung des Startchancen-Programms ist sicherlich nur ein kleiner Meilenstein zur notwendigen bildungspolitischen Trendwende. Insgesamt geht es darum, endlich die strukturelle Benachteiligung und Unterfinanzierung des Grundschulbereichs aufzulösen. Die Grundschule der Zukunft braucht seitens der Politik eine stärkere Aufmerksamkeit für eine bessere Schule für alle Kinder und eine größere Wertschätzung der Pädagog:innen, denen es möglich ist, motiviert und engagiert arbeiten zu können.

Welchen Rat oder Tipp hast Du für Berufseinsteiger?

Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und eine förderliche Haltung gegenüber jedem Kind zu zeigen. So oft es geht, möglichst genau hinzuhören und genau hinzusehen, dabei Respekt gegenüber den Besonderheiten jedes Kindes zu zeigen, seine Stärken zu entdecken und diesen Schatz in gemeinsamen Lerngelegenheiten zu nutzen.


Links zum Grundschulverband

Letzte Aktualisierung: 8. November 2023