Schulimpulse

Du bist, wo du sitzt – Eine Frage der Sitzordnung


Vom Sehen zum Verstehen: Das Schätzen ab Klassenstufe 1 entwickeln
Interview mit Marion Gutzmann
Das Zahlenbüchlein: Geschichten und Merksprüche zu den Ziffern 0 bis 9
Zeitreisen: Zeitformen im integrativen Deutschunterricht
Individuelles Schreiben – kreative Schreibprozesse anregen und fördern
Wortschatzarbeit – Schleichdiktate im integrativen Deutschunterricht
Fibonacci-Zahlenfolgen als Übungsformat
Bildung und Nachhaltigkeit: Ein grüner Daumen für den Schulgarten

Eine Sitzordnung ist immer Teil der Klassenraumgestaltung und von wesentlicher Bedeutung für das gemeinsame Lernen im Klassenverband.

Es gibt wunderbare, durchdachte und zeitgemäße Raumkonzepte für Schulen, welche klassische Raumstrukturen aufbrechen, Lernateliers, flexibel nutzbare Gruppenräume oder Außenräume einrichten.

Eine moderne Raumgestaltung ist von Offenheit geprägt und betont die Bedeutung selbstgesteuerten Lernens, indem Lernenden passende Lern-, Spiel-, und Erholungsbereiche zur Verfügung stehen. In den meisten Schulen sind die Möglichkeiten zur Raumgestaltung jedoch immer noch eingeschränkt, sodass sich die Frage nach einer schülerorientierten und anregenden Raumgestaltung auf kleinem Raum mit begrenzten Möglichkeiten umso dringender stellt.

In regelmäßigen Abständen, vor allem aber zu Beginn eines neuen Schuljahres, stellen Klassenlehrerinnen und -lehrer sich die Frage nach einer geeigneten Sitzordnung. Eine möglichst ideale Sitzordnung zu finden, erfordert Zeit und Überlegung. Und vielfach kommt diese Aufgabe einer Sisyphusarbeit gleich. Dennoch lohnt es sich, über Möglichkeiten einer dynamischen Raumgestaltung und Sitzordnung nachzudenken, damit das Klassenzimmer bestmöglich und mit Blick auf die Bedürfnisse von Lernenden und Lehrenden eingerichtet werden kann.

Rahmenbedingungen

Zunächst ist es notwendig, sich mit den Rahmenbedingungen vertraut zu machen, d.h. Raumgröße, Anzahl der Schüler, Ausstattung der Schule mit Sitzmobiliar (Einzel-, Doppeltische, Klassische Stühle, Hocker, Sitzwürfel, Bänke, …). Sicherlich ist es Ansichtssache, ob man nur die nötigsten Dinge ins Klassenzimmer stellen will und dadurch mehr Raum schafft oder möglichst viele Materialien griffbereit liegen sollen.

Tische anordnen

Um die Tische in eine geeignete Anordnung zu bringen, ist es hilfreich, sich im Vorfeld Gedanken zum eigenen Unterricht zu machen und sich die Frage zu stellen „Wie kann die Sitzordnung in meinem Unterricht das Lernen positiv unterstützen?“

  • Brauche ich einen Sitzkreis? Und wie oft?
  • Wie kann die Sitzordnung kooperative Lernsettings bestmöglich unterstützen?
  • In welchen Unterrichtsphasen brauchen die Schülerinnen und Schüler einen guten Blick auf die Tafel oder das Smartboard?
  • In welchen Unterrichtsphasen brauchen die Schülerinnen und Schüler Einzelarbeitsplätze? Und wie oft?
  • Wie können soziale und kommunikative Kompetenzen gestärkt werden?
  • Wieviel Platz für Material benötigen die Schülerinnen und Schüler an ihrem Platz?
  • Brauchen die Schüler feste Sitzplätze? Wie oft benötigen sie flexible Arbeitsplätze?
  • Sind die Plätze der Schüler gut erreichbar?

Sitzordnungen

Die klassische Sitzreihe ist eine platzsparend Variante und daher in kleinen Klassenräumen oft zu finden. Ein entscheidender Nachteil ist, dass die Lernenden häufig keinen Blickkontakt untereinander haben, wodurch kooperatives und kommunikatives Lernen nur eingeschränkt stattfinden kann.

Die U-Form benötigt Platz, bietet aber den Vorteil, dass sich die Lernenden gegenseitig sehen können und alle Plätze gut erreichbar sind.

Gruppentische sind ideal, um kooperativ zu arbeiten. Allerdings haben nicht alle einen freien Blick auf die Tafel und es gibt wenig Blickkontakt zu Mitschülerinnen und Mitschülern an anderen Gruppentischen, sodass die Gruppen meist unter sich bleiben.

Mischformen können die Vorteile verschiedener Sitzordnungen verbinden und flexibel auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler an einen geeigneten Sitzplatz angepasst werden.

Beispiel für eine Sitzordnung als Mischform

Bei einer Mischform kann beispielsweise die U-Form mit Zweiertischen gefüllt werden oder zu einer (doppelten) E-Form erweitert werden (z.B. mit einem freien Mittelgang). Eine flexible Anordnungen der Tische in Mischform ist empfehlenswert, da sie der jeweiligen Phase und Unterrichtssituation angepasst werden können. Eine mögliche Form der Ausrichtung ist die „Fischgrätenform“, bei der zwei rechtwinklig zueinander stehende Tische (mit Blick zur Tafel) schnell zu einem Gruppentisch zusammengeschoben werden können. Allerdings benötigt man für diese Anordnung etwas mehr Platz.

Einzel-, Zweier- und Gruppentische können aber auch im Klassenraum mit verschiedenen Ausrichtungen und Blickrichtungen angeordnet werden. Eine Anordnung der Tische im Klassenraum mit jeweils unterschiedlichen Blickrichtungen (z.B. in die Raummitte, aus dem Fenster, zur Wand) kann ein Angebot an die Schülerinnen und Schüler sein, einen für sich geeigneten Platz wählen zu können.  Dadurch können kleine „Arbeitsnischen“ entstehen, die gut erreichbar sind und in denen ungestört gelernt werden kann.

Eine Form der Tischanordnung, die in Grundschulen hin und wieder anzutreffen ist, ist eine Mischform von zur Wand stehenden Einzelarbeitsplätze und einem Gruppenteppich in der Mitte des Raumes. Während bestimmte Phasen (z.B. Einführungen und Erklärungen) in einem Sitzkreis auf dem Teppich stattfinden, bieten die Einzeltische in Einzelarbeitsphasen die Möglichkeit konzentriert zu Üben.

Sitzordnungen-Kartei

Sitzplätze finden

Nachdem die Tische endlich angeordnet sind – was bei sommerlichen Temperaturen kurz vor Schuljahresbeginn meist zwischen Konferenzen und Jahresplanungen stattfindet – stellt sich sofort die Frage: „Und wer sitzt jetzt wo?“ Ein Vorteil ist, wenn man die Klasse schon kennt und beim Rücken der Tische schon Ideen zur Verteilung der Sitzplätze im Hinterkopf behält. Zu Beginn des Schuljahres ist es durchaus sinnvoll, zwei zusätzliche Sitzplätze für neue Mitschüler oder Mitschülerinnen einzuplanen. 

Überlegungen zu Sitzordnungen wollen gut austariert sein und können am Computer oder „analog“ mit Zetteln oder Figuren geplant werden.

Manchen Kindern gibt es am ersten Schultag Sicherheit, einen festen Sitzplatz zugeteilt zu bekommen, die meisten jedoch freuen sich, wenn sie frei wählen dürfen. Diese Möglichkeit sollten die Kinder bekommen. Schließlich haben sie ihre Freunde in den Ferien vermisst und freuen sich nun über das Wiedersehen. Damit Lernen wieder Freude macht, ist es wichtig, sich an seinem Sitzplatz wohlzufühlen. An dieser Stelle kann den Kindern auch der Tipp gegeben werden „Wähle einen Platz, an dem du gut lernen kannst“. Nachdem also alle Kinder einen Platz gefunden haben, stellt sich nach den ersten Schultagen nun doch die Frage, wie die frei gewählten Sitzplätze so angepasst werden können, dass alle Kinder der Klasse ungestört und gut lernen können und die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler Beachtung finden.

Individuelle Bedürfnisse beachten

Aufgabe des Lehrkraft ist es, in den ersten Tagen die Interaktionen in der Klasse und die besonderen Bedürfnisse der Kinder beim Lernen zu beobachten und daraus Schlussfolgerungen für den zukünftigen Sitzplan abzuleiten.

Folgende Besonderheiten sollten beachtet werden:

  • Linkshändigkeit
  • Aufmerksamkeit (ADHS/ADS)
  • Beeinträchtigungen beim Sehen (Brille) oder Hören (Hörgerät, Implantat)
  • Motorische Besonderheiten, z.B. Rollstuhl
  • Sprache und Sprachentwicklung
  • Auffälligkeiten oder Förderschwerpunkte, z.B. Lernen, emotionale und sozial Entwicklung

Besonderes Augenmerk sollte auch auf den Sitzplatz neuer Kinder und bisheriger „Außenseiter“ gelegt werden. Das neue Schuljahr bietet die Chance auf einen Neuanfang. Eine geeignete Sitzordnung kann durchaus zur Integration aller Kinder beitragen.

siehe auch

Interkulturelle Bildung und Erziehung
Sprachsensibler Unterricht mit Dingsda-Box und Teekesselchen
Werteorientierung in der Grundschule
Gezieltes Zuhören und bewusstes Sprechen als Schlüssel für einen mündigen Sprachgebrauch
Mediennutzung im (Sach-)Unterricht der Grundschule
Interviews zur Inklusion: ein Thema - drei Ansichten

Mitbestimmung

Im Sinne eines demokratischen und wertschätzenden Miteinanders ist es empfehlenswert, die Kinder bei der Verteilung der Sitzplätze einzubeziehen. Einerseits wird der Findungsprozess dadurch transparent und die Schülerinnen und Schüler erfahren, dass nicht alle Sitzplatzwünsche umgesetzt werden können.

Die Kinder dürfen nach den ersten Schultagen zunächst ihre Wünsche für ihren baldigen festen Sitzplatz aufschreiben (Sitznachbar, Gruppen-/Zweier-/Einzeltisch, vorn-hinten, am Fenster). Dabei ist es hilfreich mit der Klasse zu besprechen, was einen guten Sitzplatz ausmacht (z.B. dass man konzentriert üben kann, sich wohlfühlt, gut sieht, …). Dadurch reflektieren die Schülerinnen und Schüler ihr Arbeitsverhalten und lernen, Eigenverantwortung für das schulische Lernen zu übernehmen.

Kleine Hilfsmittel

Um auch in kleinen Klassenzimmern flexible Lernecken und Sitzplätze einzurichten, bieten sich Teppiche und Sitzkissen an, die sich die Kinder jederzeit nehmen dürfen.

Trennwände, Schreibtischteiler oder Aktenordner eignen sich dazu, abgeschirmte Arbeitsplätze oder „Lernbüros“ schnell und unkompliziert einzurichten. Manche Kinder lassen sich durch den Blickschutz weniger ablenken und können so konzentrierter üben.

Um etwas mehr Raum zu erobern, können der Gang, die Garderobe, freistehende Klassenzimmer oder der Schulhof (in der warmen Jahreszeit) mitgenutzt werden. Dafür können Tablett-Tische oder Fußhocker als flexibler Arbeitsplatz genutzt werden. Klemmbretter sind als Schreibunterlage für flexible Arbeitsplätze ebenfalls geeignet.


Übersicht: Sitzordnungen im Klassenzimmer


Judith Köhler, Mitwirkung: Andreas Grajek

Letzte Aktualisierung: 14. Januar 2024