Schulimpulse

Interviews zur Inklusion: ein Thema – drei Ansichten

Inklusion beschäftigt die Gesellschaft und stellt Politik und Pädagogik vor Herausforderungen. Das Thema birgt allerdings auch Gelegenheiten für die Verwirklichung von Chancengerechtigkeit. Mancher Pädagoge ist verunsichert, ob er einem „inklusiven Unterricht“ gerecht werden kann.

Steffi Pahl führte und transkribierte im Rahmen einer Belegarbeit im Studium für das Lehramt an Grundschulen Interviews mit drei PädagogInnen, die unterschiedliche Aspekte des Themas aus ihren individuellen Perspektiven beleuchten und hier gekürzt dargestellt werden. Die persönlichen Äußerungen in den Interviewsituationen machen deutlich, dass das Thema mit Hoffnungen und Wünschen, aber auch mit Ängsten und Vorurteilen besetzt ist.


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Grundschullehrer: männlich, 36 Jahre, 13 Jahre Berufserfahrung in den Klassenstufen 1 – 4

Halten Sie eine gemeinsame Unterrichtung aller Kinder für sinnvoll?

Prinzipiell halte ich den gemeinsamen Unterricht für sinnvoll, würde aber ein paar Abers hinzufügen und ein paar Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit das gelingt.

Welche wären das?

Auf der einen Seite ist es für eine Klassengemeinschaft und für die Entwicklung der Kinder sehr wichtig, wenn sie mit der gesamten Vielfalt unserer Gesellschaft in Kontakt kommen. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Kinder ohne solchen können zusammen lernen.

Allerdings sind nicht alle Schulen und nicht alle Lehrer dafür vorbereitet und ausgebildet, mit allen Entwicklungsbesonderheiten umzugehen. Ein Beispiel: Ich sehe mich als für die Regelschule ausgebildeter Grundschullehrer nicht in der Lage, ein blindes Kind zu unterrichten oder ein hörgeschädigtes, autistisches oder geistig behindertes Kind. Dazu bin ich nicht qualifiziert, da ich für diese Entwicklungsbesonderheiten nicht ausgebildet worden bin.

Wenn man jedoch einen weit gefassten Inklusionsbegriff zugrunde legt, nach dem zum Beispiel schon jemand der Linkshänder ist, eine Brille trägt oder eine rot-grün-Schwäche besitzt, einen besonderen Entwicklungsbedarf hat und damit gezielte Aufmerksamkeit oder Methoden braucht, dann ist die Notwendigkeit zur Inklusion keine Frage.

Was spricht Ihrer Meinung nach für eine Unterrichtung aller Kinder, ob mit oder ohne Förderschwerpunkt?

Vom gemeinsamen Lernen profitieren alle Kinder. Wenn man sich beispielsweise Veröffentlichungen über den Schulversuch ERINA anschaut, bei dem geistig behinderte und nicht geistig behinderte Kinder zusammen in einer Klasse gelernt haben, dann macht das Lust und Mut. Zwei nicht benachteiligte Kinder und ein geistig behindertes Kind haben gemeinsam „Molekül“ genannte Gruppen gebildet, miteinander gelernt und voneinander profitiert. Die Kinder ohne geistige Behinderung haben häufig erklärt und konnten sich dadurch tiefgründig mit den Themen des Unterrichts beschäftigen. Sie haben praktisch eine Lehrerperspektive eingenommen. Allerdings haben sie nicht nur die Rolle des Helfers übernommen, sondern fungierten tatsächlich als eine Art Lehrer. Das hat den Kindern in dem Schulversuch meiner Meinung nach großen Mehrwert gebracht. Die geistig behinderten Kinder haben davon auch profitiert, weil sie normal behandelt und integriert sowie mit allen Kindern auf Augenhöhe waren. Ähnlich ist es auch bei Kindern, die vielleicht motorisch eingeschränkt sind oder im Rollstuhl sitzen. Auch sie können in einer Regelklasse profitieren, weil der Unterricht selbst nicht in hohem Maße methodisch-didaktisch umgestaltet werden muss.

Wie kann man aber mit Integrativkindern, die beispielsweise im Rollstuhl sitzen, offene Formen des Unterrichts gestalten? Und was spricht für Sie dagegen?

Einerseits heißt offene Formen ja, dass man mit geöffneten Unterrichtsformen und auch mit offenen Aufgaben arbeitet. Schwierig wird es bei Aktivitäten wie dem Schleichdiktat, einer Methode, um die Fähigkeit des Abschreibens zu entwickeln. Für ein Kind im Rollstuhl ist ein Schleichdiktat vermutlich schwierig zu bewerkstelligen. Also findet hier eine Benachteiligung oder Ausgrenzung der Kinder, die das nicht machen können, statt. Auch ein blindes Kind kann kein Schleichdiktat durchführen, sondern braucht dann wohl einen Text in Blindenschrift direkt am Platz.

Das sind dann diese Situationen, in denen ich Inklusion als nicht praktikabel empfinde, da hier die organisatorischen Bedingungen und auch die methodische Ausbildung der Lehrer sehr spezifisch sein müssen. Selbst die bewegte Pause kann in diesen Fällen mit Benachteiligung verbunden sein.

Wie können sich LehrerInnen, die erstmals in einer Inklusionsklasse unterrichten, am besten auf den Unterricht vorbereiten?

Ganz wesentlich ist die Einstellung des Lehrers. Man sollte die Kinder in ihrer gesamten Heterogenität so annehmen, wie sie sind, und niemandem das Gefühl geben, Außenseiter zu sein.

Dann gehört weiterhin ein entsprechendes Klassenklima zu einem guten Unterricht für alle Kinder. Es gehört dazu, dass eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens vorhanden ist, dass die Schüler an der Gestaltung ihres Schulalltages beteiligt werden, sich mit ihrer Schule identifizieren können, ihr Klassenzimmer und auch den Unterricht mitgestalten dürfen.

Außerdem ist es wichtig, wie man die Inhalte des Unterrichts so aufbereitet, dass jedes Kind Zugang findet. Es ist unsinnig, so heranzugehen: „Die Schüler ohne sonderpädagogischen Förderbedarf machen diese Aufgaben und die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf machen jene Aufgaben.“ Das ist eine Herangehensweise, die kein Pädagoge leisten kann oder soll. Also geht es im Grunde darum, Inhalte so aufzubereiten, dass alle Kinder zwar gleichzeitig daran arbeiten, aber immer auf ihrem jeweiligen Niveau und vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Besonderheiten.

Auf die unterschiedlichen Lernfortschritte in einer Klasse gezielt einzugehen ist eine Herausforderung. Worauf sollten LehrerInnen dabei besonders achten?

Es geht um Aufgaben, die dem Lehrer ermöglichen, die Kinder zu beobachten, wie sie diese Aufgaben bewältigen. Wenn der Lehrer grundsätzlich alle Aufgaben sehr kleinschrittig moderiert, hat er kaum Möglichkeiten, die Kinder zu beobachten und pädagogisch zu diagnostizieren. Wenn er aber Aufgaben formuliert, die ihm ermöglichen, sich zurückzunehmen, kann er beobachten: „Wer braucht mich jetzt gerade, wer braucht mich gerade nicht?“, „Wem gebe ich Impulse zur Weiterarbeit?“ oder „Welche Kinder können das füreinander übernehmen?“

Wie kann man als Lehrkraft starken Unterrichtsstörungen begegnen, ohne dass jemand in der Klasse einen Nachteil erleidet?

Als Lehrer sollte man sich dessen bewusst sein, dass Kinder, die auf sich aufmerksam machen, nicht ohne Grund auf sich aufmerksam machen. Viele Unterrichtsstörungen resultieren aus einer sozialen oder kognitiven Überforderung oder Unterforderung. Nehmen wir beispielsweise die Hattie-Studie, die sagt, dass die Einteilung der Schüler durch den Lehrer in Leistungsgruppen nicht besonders erfolgreich ist. Das heißt: Schüler können durch diese Einteilung durch den Lehrer in Leistungsgruppen über- oder unterfordert sein oder auf diese Einteilung festgeschrieben werden. Stattdessen sollte es darum gehen, ergiebige Aufgaben für den Unterricht zu entwickeln, die den Kindern ermöglichen, die Aufgaben von ihrem individuellen Kenntnisstand ausgehend zu bearbeiten. Das sorgt dafür, dass die Kinder nicht über- oder unterfordert sind, sondern ganz passgenau zu ihrem Lern- und Leistungsstand arbeiten. Genau das ist eine grundsätzliche Herangehensweise, um die Wahrscheinlichkeit von starken Unterrichtsstörungen zu reduzieren, damit die Kinder angemessen herausgefordert sind, aber nicht über- oder unterfordert sind. Wenn dazu ein Klassenklima und eine Atmosphäre des Miteinanders kommen, dann sind eigentlich starke Unterrichtsstörungen nahezu ausgeschlossen.

Welche Probleme sehen Sie allgemein, einen Unterricht anzubieten, der für alle Kinder konzipiert sein soll?

Die jeweilige Spezifik der Bedürfnisse von Kindern mit und ohne Förderbedarf sehe ich als ein nahezu unlösbares Problem für den gemeinsamen Unterricht aller Kinder. Wenn wir die Förderschwerpunkte „Sehen“ oder „Hören“ nehmen, dann bin ich als grundständig ausgebildeter Regelschullehrer nicht in der Lage, auf alle diese Besonderheiten gleichermaßen einzugehen. Nehmen wir an, ich habe 20 Kinder in einer Klasse, die schon heterogen sind und ein Anrecht auf differenzierte Angebote haben. Gleichzeitig habe ich einen Schüler mit dem Schwerpunkt „Sehen“ und einen Schüler mit dem Schwerpunkt „Hören“. Schon in dieser relativ überschaubaren Vielfalt wäre ich nicht in der Lage, den Schülern bedürfnisgerechte Angebote zu machen. Ich finde, die Schüler haben ein Anrecht auf einen speziell ausgebildeten Lehrer und angepasste Rahmenbedingungen, um gut lernen zu können. Ich glaube auch, die Förderschulen werden in diesen Punkten oft unterschätzt. In der Gesellschaft herrscht oft das Vorurteil, wer einmal auf der Förderschule ist, ist dahin abgeschoben. Wenn man aber tatsächlich einmal diese Schulen besucht, sieht man, dass das oberste Ziel darin besteht, den Kindern einen normalen Alltag zu ermöglichen. Es geht darum, die Kinder zu befähigen. Ich habe die Befürchtung, dass die Kinder mit sehr speziellen Förderbedürfnissen in der Regelschule enorme Nachteile hätten und nicht die Bildung bekämen, die sie verdient hätten.

Ähnlich ist es wohl auch mit dem Förderschwerpunkt „soziales und emotionales Lernen“. Ich glaube, die dahinter liegenden Mechanismen, die zu Störungen in diesem Bereich führen, übersteigen auch in hohem Maße die Fähigkeiten des Regelschullehrers und vielleicht sogar die der Eltern dieser Kinder. Natürlich gibt es da sicherlich auch Ausprägungsgrade, die man im Unterricht gut integrieren kann, v.a. durch ein gutes Miteinander. Aber sobald wirklich gravierende Störungen vorliegen, kann das meiner Meinung nach der Regelschulunterricht nicht ausgleichen. Alle Kinder würden dann unter der Situation leiden, weil speziell ausgebildete Pädagogen nötig sind, deren Methoden sich erheblich von denen unterscheiden, die im Regelunterricht funktionieren.

Haben Sie bereits eigene Erfahrungen mit inklusiven Lerngruppen, wenn ja, welche?

In eine meiner Klassen wurde ein Schüler integriert, der auf einer Förderschule mit einem sozial-emotionalen Schwerpunkt war. Der Schüler wurde in den ersten vier Jahren seines Bildungsweges dort befähigt, am Regelunterricht teilzunehmen. Im Vorfeld fanden Gespräche der Lehrer der Förderschule mit mir statt. Sie haben mir den Schüler beschrieben und seine Besonderheiten mit mir thematisiert, so dass ich mich darauf einstellen konnte. Das hat mir geholfen, im Unterricht immer wieder zu ihm hinzugehen, kleine informelle Gespräche zu führen, ohne dass die anderen etwas merkten, auch mal ein paar beruhigende Worte zu flüstern oder nach dem Unterricht kurz in den Austausch zu gehen und Feedback zu geben. Er hat sich dadurch gut in die Klasse integrieren können.

Ein anderer Schüler wurde diagnostiziert, lief dann bei uns als Integrationsschüler, auch mit sozial-emotionalem Förderschwerpunkt. Er hatte ganz starke Probleme, sich selbst zu regulieren oder Hinweise anzunehmen. Hier kam mir dann zugute, dass eine Klassenatmosphäre herrschte und auch eine Aufgabenkultur im Unterricht existierte, die ihm ermöglicht hat, sich immer einzubringen. Er wurde nie bloßgestellt vor den anderen Schülern, hat aber dennoch durch die Kultur des wohlwollenden und sachlichen Austauschs in der Klasse oft unmittelbar Rückmeldung von den Schüler erhalten. Manchmal war das auch sehr direkt und drastisch. So konnte es vorkommen, das jemand sagte: „Wir wollen hier keinen, der uns anspuckt.“ Das hat er gelernt auszuhalten, weil er gemerkt hat, dass die anderen Kinder sich auch Kritik von anderen Schülern anhören müssen, aber natürlich auch Wertschätzung erfahren. Er hat also gemerkt, nicht bloß ich bin hier „dran“, sondern jeder, der was ausfrisst, dessen Verhalten wird thematisiert und alle miteinander suchen nach Lösungen. Genauso kam es vor, dass ein Kind sich meldete und sagte: „Ich bin heute richtig stolz auf Dich, wie Du mitgemacht hast. Vielleicht können wir nächste Woche zusammensitzen.“ Das alles hat ihm geholfen, sich zu integrieren und erfolgreich durch die Grundschule zu kommen.

Wie schaffe Sie es, alle Kinder gleich zu behandeln und Neutralität zu bewahren?

Es ist tatsächlich so, dass man als Lehrer allen Schülern unvoreingenommen begegnen sollte, was nicht heißt, dass man immer alle Schüler gleich behandelt. Jeder Schüler hat eine andere Geschichte, hat unterschiedliche Bedürfnisse und eine individuelle Persönlichkeit. Und meiner Meinung nach stellt sich ein guter Lehrer auf diese Besonderheiten ein und behandelt nicht jeden gleich, sondern jeden individuell angemessen. Für mich kommt noch dazu, dass ich mir immer dessen bewusst bin, dass die Kinder, die da vor mir sitzen, junge Menschen sind, für die oft jeder Tag, den sie in der Schule erleben, ein Tag mit ganz neuen Erfahrungen ist. Schüler erleben in der Grundschule vor allem, wie das Miteinander funktioniert. Das macht es mir als Lehrer möglich, das Lernen, wie man miteinander umgehen sollte, zu unterstützen und zu fördern und den Schülern viele Situationen zu ermöglichen, miteinander umzugehen. Und was mir immer sehr wichtig ist, ist das Bewusstsein, dass die Eltern der Kinder mir im Vertrauen in meine pädagogischen Fähigkeiten ihre Kindern anvertrauen. Die Eltern vertrauen der Schule, erwarten, dass dort Profis am Werk sind und ihre Kinder optimal unterstützt, gefördert und begleitet werden. Das habe ich mir eigentlich in jeder Situation, die auch herausfordernd war, bewusst gemacht und habe versucht, immer auch bei jedem Schüler die Geschichte, die dazu gehört, zu sehen.


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Förderschullehrerin (Förderschwerpunkt Lernen): weiblich, 41 Jahre, 18 Jahre Berufserfahrung in den Jahrgangsstufen 1-10

Halten Sie eine gemeinsame Unterrichtung aller Kinder für sinnvoll?

Nein.

Was spricht Ihrer Meinung nach für eine gemeinsame Unterrichtung aller Kinder, ob mit oder ohne Förderschwerpunkt?

Dafür spricht die Schulung von Gemeinschaft sowie das keine Diskriminierung von Kindern mit Auffälligkeiten erfolgt. Auch das Lernen voneinander wird gefördert.

Und was spricht für Sie dagegen?

Zuerst einmal der Personalmangel. Eine Förderung von Kindern mit einem Förderbedarf erfolgt nur sporadisch und teilweise unprofessionell. Die Lehrer an Regelschulen sind häufig überfordert und viel zu große Lerngruppen an Regelschulen machen eine individuelle Förderung unmöglich.

Wie können sich LehrerInnen, die erstmals in einer Inklusionsklasse unterrichten, am besten auf den Unterricht vorbereiten?

Es sollten Fortbildungsreihen für entsprechende Förderschwerpunkte besucht werden. Viel häufiger sollten Hospitationen und Beratungen durch Förderschullehrer angeboten werden, zusammen mit Besuchen in den Förderschulen selbst, um Umsetzungsmöglichkeiten kennenzulernen. Besser noch wäre ein 2-Pädagogen-Prinzip, bestehend aus Regelschullehrer und Förderschullehrer oder eine Änderung der Studieninhalte, um künftige Lehrer darauf vorzubereiten.

Auf die unterschiedlichen Lernfortschritte in einer Klasse gezielt einzugehen ist eine Herausforderung. Worauf sollten LehrerInnen dabei besonders achten?

Auf permanente Differenzierungsmaßnahmen. Neben dem Klassenbuch sollte ein Schülertagebuch geführt werden, um Lernfortschritte zu dokumentieren und Lernziele zu formulieren.

Wie kann man als Lehrkraft starken Unterrichtsstörungen begegnen, ohne dass jemand in der Klasse einen Nachteil erleidet?

Durch einen Einsatz von Tokensystemen für alle Schüler, um das Verhalten selbst einschätzen und Fremdkritik annehmen zu lernen. Das Erreichen von Belohnungszielen sollte individuell angepasst werden und gruppendynamische Übungen und Aufgaben im Schulalltag sollten sich etablieren. Es sollten klare Konsequenzen aufgezeigt und bei Regelverstößen umgesetzt werden. Dabei individuell sanktionieren, z.B. keinen Schüler vom Unterricht ausschließen, der eh lieber zu Hause ist. Der regelmäßige Kontakt zum Elternhaus und auch positive Elterngespräche sind ebenfalls wichtig, um Eltern nicht für Schule zu verprellen.

Welche Probleme sehen Sie allgemein, einen Unterricht anzubieten, der für alle Kinder konzipiert sein soll?

Die Lerngruppenstärke – umso mehr Kinder in einer Klasse sind, umso weniger kann ich jedem Kind individuell gerecht werden. Die räumliche und sächliche Ausstattung von Schulen macht einen solchen Unterricht ebenfalls unmöglich. Ferner benötigt man tolerantes und geschultes Fachpersonal.

Haben Sie bereits eigene Erfahrungen mit inklusiven Lerngruppen, wenn ja welche?

Ich unterrichte eine Förderschulklasse und konnte Erfahrungen zu inklusiven Lerngruppen nur durch Hospitation an anderen Schulen machen. Einzig eine Privatschule hatte eine Konzeption, die positiv zu bewerten ist. Hier war die Klassenstärke nie über 18 Schüler, es gab ein 2-Pädagogen-Prinzip und entsprechend geschultes Personal. Staatliche Schulen klagen meist über eine uneffektive Umsetzung, die vor allem der personellen Unterversorgung geschuldet ist.


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Förderschullehrer (Förderschwerpunkt Lernen sowie soziale und emotionale Entwicklung): männlich, 46 Jahre, 23 Jahre Berufserfahrung in den Jahrgangsstufen 1-10

Halten Sie eine gemeinsame Unterrichtung aller Kinder für sinnvoll?

Wie das so mit Verallgemeinerungen ist!

Würden Sie ein Kind, welches onkologisch betreut wird, dessen Immunsystem   destabilisiert ist, mit 24 anderen Kindern gemeinsam lernen lassen? Würden Sie ein aggressives Kind mit Kindern, welche die „Glasknochenkrankheit“ haben, zusammen beschulen? Welche Nutzen-Aufwand-Relation wird hier zu Grunde gelegt?

Was spricht Ihrer Meinung nach für eine gemeinsame Unterrichtung aller Kinder, ob mit oder ohne Förderschwerpunkt?

Sensibilisieren für die Unterschiedlichkeit von Menschen. Gegenseitige Rücksichtnahme und Helfersysteme.

Und was spricht für Sie dagegen?

Lehrer und Erzieher haben einen Beruf auszuüben, haben also Ziele, die die Bildung und Erziehung betreffen. Diese müssen auch abgerechnet werden und zwar für alle Schüler. Inklusion ist nur dann erfolgreich, wenn alle davon partizipieren. Es ist also nicht die Frage was dafür oder dagegen spricht, sondern wie man Inklusion organisieren will.

Wie können sich LehrerInnen, die erstmals in einer Inklusionsklasse unterrichten, am besten auf den Unterricht vorbereiten?

Ich kenne keine „Inklusionsklassen“. Wenn man diese schon so nennt, ist es keine Inklusion mehr. Nennen wir sie Klassen mit Kindern oder Jugendlichen? Bleibt die Frage, welche besonderen Bedarfslagen die Schüler haben. Jeder Lehrer lernt, bei seiner Unterrichtsvorbereitung eine Lerngruppenbeschreibung anzufertigen und die Lernausgangslage zu analysieren. Reicht dies nicht, um Methode und Didaktik umzusetzen, muss man sich Gedanken über die Bedingungen machen.

Auf die unterschiedlichen Lernfortschritte in einer Klasse gezielt einzugehen ist eine Herausforderung. Worauf sollten LehrerInnen dabei besonders achten?

Auf individuelle pädagogische prozessimmanente Beobachtungen, um Lernfortschritte zu dokumentieren und sichtbar zu machen.

Das Evaluieren der Lernfortschritte mit den Möglichkeiten des Kindes, um sie nicht zu überfordern oder zu unterfordern.

Wie kann man als Lehrkraft starken Unterrichtsstörungen begegnen, ohne dass jemand in der Klasse einen Nachteil erleidet?

Was soll diese Frage? Hat jemand dafür Rezepte? Jeder Lehrer hat ein pädagogisches und persönliches Repertoire an Interventionsmöglichkeiten. Lehrer vor allem über die persönliche Bindung zu jedem einzelnen Zögling. Diese kann er nutzen, ansonsten gibt es auch die Möglichkeiten der Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen der Schulgesetze.

Welche Probleme sehen Sie allgemein, einen Unterricht anzubieten, der für alle Kinder konzipiert sein soll?

Allen Schülern gerecht zu werden.

Haben Sie bereits eigene Erfahrungen mit inklusiven Lerngruppen, wenn ja welche?

Die Unterrichtung verschiedener Förderschwerpunkte und deren unterschiedliche Ausprägungen ist bei uns an der Tagesordnung. Ständig wird evaluiert, wo der beste Förderort des Kindes ist, da unser System durchlässig ist.

Wie schaffen Sie es, alle Kinder gleich zu behandeln und Neutralität zu bewahren?

Ich behandle nicht alle Kinder gleich. Jeder Schüler bekommt von mir das, was er braucht. Was ist mit Neutralität gemeint? Ich bin wie meine Schüler ein Mensch und habe zu allem eine Meinung und Haltung, die mit mir auch disputiert werden dürfen. Dies natürlich in einer wertschätzenden und menschlichen Art und Weise.

Befragter: „Ich hätte da auch noch ein paar Fragen!“

  • Die Forderung nach Inklusion wird größtenteils mit der UN-Behindertenrechtskonvention (CRPD) begründet. Ist dies wirklich damit gemeint oder ging es da eher um Länder, die Behinderte weder an schulischer Bildung noch gesellschaftlicher Integration teilhaben lassen?
  • Wir haben ein gewachsenes Förderschulsystem in Deutschland. Ist es wirklich so, dass die Schülerinnen und Schüler in solchen Schulen schlecht gefördert und nur unzureichend auf das Leben vorbereitet wurden?
  • Sehen die meisten Schüler und Eltern der Förderschulen sich sozialer Deprivation ausgesetzt?
  • Ist das Förderschulsystem der Länder so undurchlässig, dass eine Rückkehr nach intensiver Förderung in die Regelschule versperrt bleibt?
  • Sind die Chancen der Schüler mit Förderbedarfslagen durch den Besuch einer Förderschule schlechter als durch einen Besuch in der Regelschule? (Schulabschlüsse beachten! Welche Schulabschlüsse würden an der Regelschule erreicht werden?)
  • Die Feststellung von Förderbedarfen und Förderorten obliegt den Förderschullehrern bzw. dem Mobilen Sonderpädagogischen Dienst in Zusammenarbeit mit der Schulaufsicht der Landesschulämter und den Eltern. In welchem Maße ist bekannt, ob Fehlentscheidungen getroffen und dadurch negative Voraussetzungen für Schüler sich entwickelten?

Zur Beantwortung reichen keine Vermutungen oder Einzelfälle!

PS: In meiner ganzen Laufbahn sind mir keine „Modellversuche“ bekannt geworden, die gescheitert sind! Es waren in diesen Situationen immer großartige Erfolge!

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